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Exklusive Mini-Geschichte: Der Prokrastinator

Es war an einem warmen Sommertag. Die Vögel zwitscherten, die Bienen summten emsig über die Wiesen und in der Ferne war das Rattern eines Kartoffelvollernters zu vernehmen. Ein Tag eigentlich, wie gemacht für den Baggerweiher. Doch Jürgen war heute keine Abkühlung vergönnt. Er saß an seinem Schreibtisch und brütete über seinen Unterlagen. Den Unterschied zwischen Abgeltungssteuer und Kapitalertragssteuer versuchte er sich gerade ins Hirn zu prügeln.
Da unterbrach ihn plötzlich ein krächzendes Stimmchen. „Ekelhaft!“, keifte es.
Und weil Jürgen nicht gleich reagierte, sondern sich nur erschrocken suchend umsah, fügte es hinzu: „Einfach unterträglich.“
„Wer ist denn da?“, fragte Jürgen verunsichert.
Mit einem Satz landete ein kleines Männchen mitten auf dem Buch, das Jürgen gerade wälzte. Es hielt sich mit seiner kleinen Hand die überdimensional große Nase zu und meckerte: „Du solltest ein Fenster aufmachen. Stinkt wie in einem Velociraptor-Gehege hier.“
„Wer bist du? Und was willst du von mir?“, fragte Jürgen und schielte nach dem Buch, das er noch durchzuarbeiten hatte. „Ich habe nämlich überhaupt keine Zeit.“
Das Männchen lachte schallend. „Du hast doch alle Zeit der Welt!“, rief es. Es kletterte von dem Buch herunter und schlug es mit aller Kraft zu.
Jürgen wollte widersprechen: „Aber ich muss doch ...“
Der Kleine griff nach Jürgens Handy, das für ihn so groß war, dass er es kaum vom Tisch wegbekam. Er wuchtete es trotzdem in die Luft und stemmte es hoch über seinen Kopf. Damit der kleine Mann sich nicht verletzte, nahm Jürgen es ihm ab.
Schmeichelnd sagte der Zwerg: „Du musst zum Beispiel deine Nachrichten checken.“
Kurz zögerte Jürgen, dann dachte er, kann ja nicht schaden.
Tatsächlich hatte sein Freund Walter ihm geschrieben. Zum See hinaus wollten sie mit den Rädern. Die Bücher, schrieb Walter, könnte man ja mitnehmen.
Jürgen überlegte. Dann seufzte er: „Ach, was soll’s. Ich kann mich bei der Hitze hier drin ja auch nicht konzentrieren.“
Das Männchen auf Jürgens Schreibtisch führte einen Veitstanz auf.
Während Jürgen ins Schlafzimmer hinüber ging, um seine Badesachen zu holen, wippte das Männchen mit dem Buch an der Schreibtischkante hin und her, bis es herunter fiel und zwischen den Papieren im Abfalleimer landete. „Selbstzerstörungsauslöser aktiviert“, murmelte es und lachte verzückt.
Mit seinem Rucksack über der Schulter kehrte Jürgen zurück, packte Handy, Zigaretten und sein Portemonnaie zusammen. Das Buch im Abfall übersah er.
Als er mit seinem Rad die Straße hinunterfuhr zum See, glaubte er im Augenwinkel auf einem Straßenleitpfosten den kleinen Kerl sitzen zu sehen und grinsen.